philosophikê?

Was bedeutet philosophike? In einem sprachanalytischen Gastbeitrag geht Prof. Dr. Gottfried Heinemann dieser Frage auf den Grund und hält anregende etymologische Einblicke bereit:

philosophikê – auf den ersten Blick ein klarer Widersinn. Der griechische Sprachgebrauch der Jahrzehnte vor Platon, in denen die einschlägigen Begriffe unterschieden wurden, kennt zwei Typen der philosophia. Einerseits die populäre philosophia: eine zweckfreie, nicht-professionelle und durchaus, wie das Wort ja auch sagt, liebhaberische und dilettantische Befassung mit Wissen (sophia) sowie ein entsprechender Umgang mit Gelehrten (sophistai). Andererseits eine ebenso zweckfreie und nicht-professionelle, dabei aber eher elitäre philosophia, die mit naturwissenschaftlicher Forschung und einschlägigen Publikationen einhergeht.

Wenn Platon den Begriff kapert und zur Bezeichnung seines eigenen Projekts umfunktioniert, hält er an einem Hauptpunkt fest: der Abgrenzung gegen professionelles Expertentum und überhaupt gegen alles Wissen, das äußeren Zwecken dient. Letzteres wird im Sprachgebrauch der Zeit durch die Endung –ikê angezeigt: iatrikê für Fachwissen und Beruf, d.h. für die technê, des Arztes (iatros), kybernêtikê für die technê des Schiffsführers (kybernêtês), sophistikê für die technê des professionellen Gelehrten (sophistês), grammatikê für die (nicht nur professionelle) Beherrschung der Schrift (grammata) usf.

Die philosophia differenziert sich schon bei Platon und Aristoteles in Disziplinen wie die Begriffsanalyse (dialektikê) und die Naturwissenschaft (physikê), etwas randständig auch die mathematikê. Dabei wird durch die immergleiche Endung –ikê eine nicht-professionelle, keinen äußeren Zwecken dienende wissenschaftliche Disziplin (epistême) angezeigt. Die philosophia selbst ist weder technê noch epistêmê. Sie ist kein Beruf und kein Wissenszweig, sondern sie ist eine dem Wissen gewidmete Lebensweise, zu der die Befassung mit den unterschiedlichsten Wissenszweigen gehört.

Das Adjektiv philosophikos ist erst nach der Zeitenwende, und zunächst recht selten bezeugt: Ein Orakelbuch wird als „philosophisches Buch des Pythagoras“ (biblos philosophikê Pythagorou) ausgegeben; Alchimisten schreiben über einen „philosophischen Stein“ (philosophikos lithos); jemand befasst sich mit „philosophischen“ Texten oder Argumenten (philosophikoi logoi); ein Kirchenvater vergleicht die Unterschiedenheit und wechselseitige Durchdringung der göttlichen Personen mit der Unterschiedenheit und wechselseitige Durchdringung von medizinischem und philosophischem Fachwissen (dyo epistêmai … iatrikê kai philosophikê) in der Seele dessen, der beide beherrscht.

Wozu das neue Adjektiv? Hat man vergessen, dass bereits philosophos (nach Wissen strebend / mit Gelehrten oder dem Guru vertraut) ein Adjektiv ist? Vielleicht handelt es sich einfach darum, dass philosophos die Person sowie ihre Neigungen, Fähigkeiten, Tätigkeiten und Äußerungen, charakterisiert. Durch die erwähnten Verwendungsweisen von philosophikos wird die philosophia in ein System der Arbeitsteilung eingebunden. So ganz ausdrücklich bei einem anonymen, in das 1.-7. Jh. datierten Grammatiker, wenn dieser zunächst erklärt, was technê ist, nämlich „ein System eingeübter Kenntnisse zu einem lebenspraktischen Ziel“ und dann hinzufügt, dass es davon zwei Arten gebe: die „praktischen“ (praktikai sc. technai), z.B. die mit Hausbau und Metallverarbeitung befassten (tektonikê, chalkeutikê), und
die „verbalen“ (logikai), z.B. die mit (schriftlicher) Sprache, Rede und Philosophie befassten (grammatikê, rhêtorikê, philosophikê). Der philosophos ist zum Professionellen geworden; das Wort philosophikê zeigt an, dass die philosophia ein Beruf wie alle anderen ist.


Die zitierten Belegstellen für philosophikos sind:

Onir. Sortes (ecdosis altera) {TLG 2642.005} (a. 4 B.C. 2-3 A.D.) Chapter 1 section 2 line 7

[HERMES] Alchem. Αἴνιγμα τοῦ φιλοσοφικοῦ λίθου Ἑρμοῦ καὶ Ἀγαθοδαίμονος (e cod. Paris. B.N. gr. 2327, fol. 234r) {TLG 4325.002} (A.D. 1/3) Volume 2 page 267 line 16t

ARTEMIDORUS Onir. Onirocriticon {TLG 0553.001} (A.D. 2) Book 5 chapter 83 line 2

GREGORIUS NYSSENUS Theol. Adversus Arium et Sabellium de patre et filio {TLG 2017.005} (A.D. 4) Volume 3,1 page 83 line 12 and 19

ANONYMI GRAMMATICI Gramm. Supplementa artis Dionysianae vetusta {TLG 0072.001} (A.D. 1-7) Part 1 volume 1 page 117 line 1

Zitiert nach Thesaurus Linguae Graecae (TLG), http://stephanus.tlg.uci.edu/index.php, Zugriff: 2020-07-21

Die meisten anderen Belege sind später, ab dem 8. Jh., datiert; interessant ist das Schwanken zwischen philosophos (adj.) und philosophikos in den im TGL undatierten Scholien. Bei dem Thema gibt es noch etwas zu studieren.

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