Die letzte Chance

Die letzte Chance

Jede Analyse der Welt[1] kann seit Anbeginn der Zeit nur ihren desaströsen Charakter feststellen. Kaufmännisch spricht man immer von einem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand. Und nur eine nüchterne Aufnahme des Ist-Zustandes ermöglicht Wege zu denken, die zu einem angestrebten Soll-Zustand führen könnten.

Deshalb werden zunächst essentielle Punkte des Ist-Zustandes in Stichworten angezeigt:

  • Klima: Alle Konferenzziele werden gerissen, da die Beteiligten ihre meist wirtschaftlich geprägten Egoismen nicht überwinden können, obwohl die Anzeichen der Naturkatastrophe weltweit stetig zunehmen und die zukünftig zu erwartenden Kosten weit über heutigen Präventivkosten anzusetzen sind[2].
  • Krieg: Die Geschichte der Menschen ist eine Geschichte der Kriege. Obwohl auf allen Konfliktseiten immer Menschen stehen, finden diese aus meist machtpolitischen Antrieben keine andere Lösung als sich gegenseitig umzubringen. Dass es keinen gerechten Krieg gäbe, ist eine Sonntagsrede, die an den politischen Schaltstellen nicht ernst genommen wird. Angesagter Grund war und  ist in der Regel die Verteidigung von Werten, Staatsformen oder die Durchsetzung von vermeintlich berechtigten Ansprüchen. Tatsächlicher Grund jedoch, dass der Mächtigere, dem nicht so mächtigen seine Lebensweise oktroyieren bzw. seinen Machtanspruch ausweiten will. Dies bezieht sich auch auf das Handeln von Terrorgruppen bzw. auf von Staaten (Schurkenstaaten) administrierten Terrorgruppen oder Söldnern wie IS, Hamas, Hisbolla, Gruppe Wagner, Academi, etc. Diese sind als Kriminelle zu kategorisieren und als solche zu behandeln. Ihr Einsatz entsteht i.d.R. jedoch direkt oder indirekt ebenfalls aus einem Machtanspruch gepaart mit finanziellen Interessen.
  • Flucht: Geschichtlich haben wechselnde Teile der Welt einen Führungsanspruch wahrgenommen und diesen jeweils dazu genutzt, die Anderen auszubeuten, um ihren Reichtum zu stärken. Das mündete in dem heute gegebenen Nord-Süd-Gefälle, das so drastisch ist, dass die Einen hungern und die Anderen schlemmen. Natürliche Folge ist, dass es die Hungernden zu den Schlemmenden zieht, selbst wenn sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. Da nun die Schlemmenden nichts wirklich Wesentliches abgeben wollen, blockieren sie die Wege und nehmen den Tod der Hungernden in Kauf. Entwicklungshilfen, etc. sind Trostpflaster, die oft nur korrupte Machenschaften unterstützen, zu fairen Handelsbeziehungen, die die territorialen Möglichkeiten der Hungernden (z. B. Fischereirechte vor der westafrikanischen Küste) schützen, sind die Schlemmenden nicht bereit[3].
  • Macht: Auf Basis ökonomischer und militärischer Präsenz haben sich sogenannte Weltmächte gebildet, deren Dominanz sich gerade von West nach Ost zu verschieben scheint. Das diese nebst weiteren Dritten über eine Waffentechnik verfügen, die bei konsequentem Einsatz den Weltuntergang herbeiführen würden, schärft die Problematik. Das sogenannte Gleichgewicht der Stärke ist das Glatteis des Weltbestandes. Im Sinne einer Gleichberechtigung aller Menschen könnte man eigentlich niemandem verbieten, eine solche Technik zu entwickeln, auch wenn das durch die Mächtigen, aus Gründen ihre Dominanz zu erhalten, immer versucht wird. Die logische Konsequenz, im Sinne der Menschlichkeit gänzlich auf diese Technik zu verzichten, scheitert schlicht daran, dass niemand auf Macht verzichtet.
  • Global: Die Interdependenz der Wirtschaft ist so ausgebaut, dass kein Teilnehmer noch eine autonome Wirtschaft betreiben kann. Innerhalb dieser globalen Abhängigkeiten ist der Wettbewerb aller gegen alle der wesentliche Faktor. Handelsbündnisse versuchen das teilweise zu entschärfen, treten dann aber selbst gegeneinander an. Jeder arbeitet nach seinem Gusto, ganz gleich ob demokratisch oder autoritär geführt. Menschenrechtsfragen oder politische Systemfragen haben allenthalben noch eine deklaratorische Bedeutung.
  • Künstliche Intelligenz: Computer sind dumm. Sie können eigentlich nur zählen. Das können sie aber so schnell und methodisch ausgereift, dass sie mit der Kombination ihrer enormen gespeicherten Informationsmenge schneller und besser als Menschen Dinge beschreiben und  Folgerungen treffen können, und, da sie alles was sie gemacht haben auch speichern, sich selbst stetig verbessern. ChatGPT zeigt dies schon sehr eindrucksvoll. IT-Systeme sind von Menschen gemacht, aber kein Mensch versteht sie vollständig. Sie arbeiten rein logisch und kennen keine Gefühle. Wenn das so ist, ist es, von gewollten Manipulationen abgesehen, eher eine positive Eigenschaft. Die vorgenannten Punkte würden ihre Negativität weitgehend verlieren, würde die KI statt Menschen die Handlungen initiieren, da sie auf ausschließlich logischen Axiomen beruhen. Eine KI-gesteuerte heile, wenn auch kalte Welt wäre denkbar als eine KI-geführte Globalität. Die Frage bleibt, ob das durch die sozialen Netzwerke nicht heute schon ansatzweise so ist, nur dass diese nicht der Logik, sondern rein ökonomischen Interessen folgen. Die Politik kann sie zwar etwas einschränken, doch die Menschen sind heute schon weitgehend so angewiesen auf sie bzw. abhängig von ihnen, dass sie ihren Intentionen folgen. Man könnte annehmen, dass es  dem rasanten Ausbau der KI gelänge,  Handlungsmöglichkeiten auf Basis selbstbewusster Indikatoren durchzuführen. Die Philosophie kann die Konzeption selbstbewussten Handelns nicht eindeutig klären, auch wenn ganze philosophische Systeme darauf aufbauen. Gelänge es der KI, Entscheidungen auch nur nach selbstbewusster Art (Kant würde sagen – als ob -, Kritik der Urteilskraft) zu treffen, wäre der Fortbestand der Menschheit gefährdet. Denn logisch ist der Mensch der einzige irdische Faktor, der den Bestand der Welt gefährdet[4].

Angemessen an dem skizzierten Ist-Zustand soll nun versucht werden, in Konsequenz daraus einen Soll-Zustand zu denken, der eine positive Entwicklungsmöglichkeit der Welt erhoffen ließe. Da es sicher nicht möglich ist, eine seit Jahrhunderten gegebene Entwicklung rückwirkend zu korrigieren, liegt der Schluss nahe, sie mit dem Ausbau ihres wesentlichen Indikators, der Globalisierung, zu evolutionieren. Würden wir den Ist-Zustand als Fehlentwicklung negieren, ergäbe sich nach Hegel eine „unbestimmte Unmittelbarkeit“, also ein Nichts; doch dieses Nichts muss ein Sein haben, um ein Nichts sein zu können[5]. Daraus folgt, dass aus diesem Widerspruch ein Höheres folgen muss, das Werden. Schon diese dialektische Bewegung weist darauf hin, dass der ungewollte Ist-Zustand  nicht durch einzelne Maßnahmen verbessert werden kann, er kann nur in fundamentaler Konsequenz erneuert werden.

Durch die Globalisierung und die gegebenen technischen Möglichkeiten ist die Welt klein geworden. Jeder kann in Sekundenbruchteilen wissen  was irgendwo auf der Welt passiert und dieses Wissen für seine Ziele einsetzen. So reagieren z. B. Börsenkurse nach mathematischen Modellen schon heute nahezu zeitlos, ohne dass ein Mensch in diesen Prozess eingebunden ist. Via Netz kann ich erlaubte wie unerlaubte (Darknet) Transaktionen, etwa bestellen oder anbieten, zahlen, zeigen, behaupten, kurz alle Handlungsmöglichkeiten durchführen ohne an Ort oder Zeit gebunden zu sein.  Staaten oder Staatenverbünde haben darauf kaum Einfluss. Sie können Regeln (z. B. Datenschutz) erlassen, diese aber kaum kontrollieren. Strafzahlungen, selbst solche in Milliardenhöhe, werden von den einschlägigen Unternehmen einkalkuliert wie eine Diebstahlquote im Supermarkt. Die Aufgabe, die den Staaten bleibt, ist der Ausbau der technischen Infrastruktur (Netz, Energie etc.), die das alles ermöglicht. Sie müssen sich aber dabei auf wenige Hersteller beziehen, die das können, und diese sind wiederum global agierend.

Da das so ist, wäre es konsequent, eine Trennung zwischen den Aufgaben der Staaten und der weltweiten Wirtschaft vorzunehmen. Die Staaten sorgen für die Infrastruktur ihres Landes in welcher politischen Ausrichtung (Demokratie, Autokratie) auch immer. Die Wirtschaft, ab einer zu definierenden Größenordnung des Exportanteils,  staatenlos in globalen Netzwerken, losgelöst von Standortfragen. Neu organisiert werden mit weltweiter Gültigkeit müssen dann die  Steuer- und die Rechtsfragen sowie die allgemeine Bedingungen.

So kann die Umsatzsteuer dann nicht mehr auf den Standort der Wertschöpfung bezogen sein, sondern ausschließlich auf den Ort des Umsatzes. Wie sie erhoben wird, möglich wäre in Art der Umsatzsteuer oder durch eine Wertschöpfungsabgabe der Unternehmen. Hier ist eine verwaltungstechnische Prüfung notwendig, das so einfach wie möglich zu gestalten. Die Steuern für Mitteleinsatz und –beschaffung (z. B. Grundsteuer, Gewerbesteuer, Ertragssteuer) sowie die Umsatzsteuer kleinerer Unternehmen bliebe bezogen auf den Unternehmensstandort.  Staaten, die sich einem solchen globalen System nicht anschließen wollen, würden zwangsläufig ignoriert.

Folgende  Schritte wären einzuleiten:

  • Rechtlich sind staatenlose Unternehmen in allen außenbezogenen Vorgängen ausschließlich einer Gerichtsbarkeit zu unterwerfen, die von der UN hierfür gebildet werden muss. Eine Nicht- Anerkennung dieser Gerichtsbarkeit würde zu einem Systemausschluss führen, was etwa gleichbedeutend mit einem Handelsausschluss wäre.
  • Grundsätzlich wären für die Staaten des Standortes ein Subventionsverbot und ein Mindestlohn, der sich nach dem jeweilig dortigen Lohnniveau ausrichtet, zwingend. Da die KI der wesentliche Produktionsfaktor für diese Unternehmen sein dürfte, ist davon auszugehen, dass die Steuerung dieser Technik über weltweite Netze erfolgt. Die Beschäftigungsbedingen wären jedoch an die staatlichen Üblichkeiten gebunden. 
  • Die Wirtschaft ist der einzige Ort wo Wertschöpfung generiert wird und damit der einzige Ort für das Einkommen der Menschen. Wenn die maßgeblichen Unternehmen nicht staatsgebunden sind, sondern als globales Netzwerk administriert werden, entfällt der wesentliche Grund für  staatsgebundene Konflikte wie wir sie kennen. Alle anderen Konfliktherde, wie das politische System eines Staates, obliegen seinen Bürgern, die es so gestalten mögen, wie sie es für richtig erachten. Eine fortgeschriebene Ethik wird vor allem fordern, das System anderer Staaten zu akzeptieren und auf Einmischung zu verzichten. Auch dann, wenn Staatsformen durch Putsch oder Revolution entstanden sind. Es zeigt sich geschichtlich, dass korrupte Systeme keinen ewigen Bestand haben, die Bürger werden sich emanzipieren. Nahezu alle heutigen Demokratien sind aus dem Willen ihrer Bürger (zum Teil mit Hilfe von außen) entstanden, wie stark autokratische, kirchliche oder royale Mächte auch waren. Damit entfällt der zweitwichtigste Konfliktpunkt des Ist-Zustandes. Nur, wenn ein Staat aus welchen Gründen auch immer einen anderen angreift, ist er aus dem System auszuschließen. Er müsste dann in seiner Autarkie verharren. 

Weltbürger

Ein System staatenloser Unternehmen würde viele der heutigen Problemzonen, etwa Zölle, nivellieren. Die Welt würde auch gefühlt zu einer Einheit, die globale Interdependenz stiege, kriegerische Konflikte wären kaum noch denkbar. Daraus könnte der Gedanke entstehen, dass Militär obsolet sei. Nur um eventuelle Ausreißer disziplinieren zu können bräuchte es einer einzigen militärischen Ordnungsmacht, die wieder bei der UN administriert würde. Das ist ein gewagter Gedanke, der auf ein fernere Zukunft gerichtet ist. Es sollte aber nicht unterschätzt werden, dass globale Netzwerke ein neues Zugehörigkeitsgefühl vermitteln würden; ein Weltbürger zu sein.


[1] Dieses Essay soll eine Idee aufzeigen. Die einzelnen Problem- und Zielpunkte können hier nur angerissen werden. Sollte diese Anregung zur Diskussion führen, sind alle angesprochenen Punkte detailliert und mit Faktenverweis auszuführen.

[2] vgl. Umwelt Bundesamt (2023): „Projektionsbericht 2023 für Deutschland“, online abrufbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/projektionsbericht-2023-fuer-deutschland (letzter Abruf 05.02.2024).

[3] vgl. Shikwati, James (2006): „Fehlentwicklungshilfe. Mit eigenständigen Lösungen kann Afrika eine neue Rolle spielen“, in: Internationale Politik 61 (4), S. 6 – 15.

[4] vgl. Chalmers, David J. (2023): „Realität+“, Frankfurt am Main.

[5] vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1831): Hegel „Wissenschaft der Logik. Teil 1.“ Frankfurt am Main.

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