Der Sinn des Lebens – Gefangen im Goldfischglas

Der Sinn des Lebens – Gefangen im Goldfischglas

„Die Frage nach dem Sinn von Sein soll gestellt werden.“ heißt es nach Martin Heidegger.Diese Frage kann auf den Sinn des Lebens erweitert werden und ist eine der zentralen Themen der Philosophie und des menschlichen Daseins. Dies wird auch in Muriel Barberys „Die Eleganz des Igels“ thematisiert und sehr kritisch beleuchtet. Doch wie wird der Sinn des Lebens in „Die Eleganz des Igels“, von Muriel Barbery, aus der Perspektive Palomas dargestellt? Inwiefern kann man Martin Heideggers Auffassung vom Sinn des Lebens mit der Ansicht der Protagonistin Paloma vergleichen?

Im folgenden Essay möchte ich die Aussagen bezüglich des Sinns des Lebens, die die Protagonistin Paloma in ihrem ersten Kapitel erläutert, hermeneutisch erarbeiten und auch auf die Beziehung eingehen, die die Autorin/Paloma versucht, mit den Leser*innen aufzubauen. Außerdem möchte ich Gedanken des Philosophen Martin Heidegger hinzuziehen, der sich in seinem Werk „Sein und Zeit“ (1927) bereits mit dem Sinn des Seins auseinandergesetzt hat. Dafür beziehe ich mich auf die Erläuterungen von Karen Joisten zu Martin Heideggers Hermeneutik. Anschließend folgt ein Vergleich der möglichen Ansichten, der Autorin/Protagonistin und des Philosophen Martin Heideggers, bezüglich des Sinnes des Lebens und ein abschließendes Fazit.

Zuerst einmal betrachtet Paloma das Leben in zwei Abschnitten, die klar getrennt sind, die Kindheit und das Erwachsensein. In der Kindheit, so beschreibt sie, glaubt man, den Sinn des Lebens erfassen zu können, wenn man erst einmal erwachsen ist. Nach Paloma ließen Erwachsene dies einen glauben, indem sie erzählen, dass man diesen Sinn erfasst, wenn man erwachsen ist. Dabei reden sie sich selbst ein, diesen Sinn im Erwachsenleben gefunden zu haben. Doch Paloma hält das für eine Täuschung und eine Unwahrheit. Sie denkt, Erwachsene sind weit davon entfernt den Sinn des Lebens zu erfassen und machen sich nur vor frei zu sein und eine Bestimmung zu haben. Für sie bildet diese Suche eine Art Flucht vor der Realität und einen Weg dem Leiden zu entkommen. Welches Leiden? Das Leiden, gefangen zu sein in seinen Möglichkeiten, Denkweisen und in seinem Leben ohne ein klares Ziel. Paloma merkt an, dass erfolgreichere Menschen diese Sinnlosigkeit sogar zu erkennen vermögen, sie aber wegrationalisieren und sich vormachen frei zu sein. Dies drückt die Metapher aus, dass diese Menschen denken, dass sie im „Ozean”[1] schwimmen, wenn sie doch gleich unfrei bleiben. Hingegen ist es mittelmäßigen Menschen noch möglich, Hoffnung zu haben, den Sinn des Lebens zu erkennen. Palomas große Kritik ist, dass sich die erwachsenen Menschen nur vormachen, dass das Leben einen Sinn hat und dass sie diesen erfahren haben. Durch diese „Lüge“[2] machen sie Kindern falsche Hoffnungen. Sie beschreibt das Leben sehr eindimensional. Alles ist vorprogrammiert. Als Kind ist man noch unbeschwert und möchte unbedingt erwachsen werden und die Zusammenhänge des Lebens zu erfahren, wenn man dann erwachsen ist, merkt man, dass dies unmöglich ist oder macht sich vor, die Welt in sich erschlossen zu haben. Paloma beschreibt, dass Erwachsene durch das Leben rennen und wie besessen davon sind, eine Bestimmung zu finden, bis sie dann schließlich sterben.[3]

Ab dieser Stelle wirkt es so als würde Paloma versuchen eine Beziehung zu den Leser*innen aufzubauen. Es ist die Rede davon, dass Erwachsene glauben, den Sinn in der Bildung, Wohlstand, Glück oder menschlichen Beziehungen zu suchen und zu finden. Sie beschreibt dieses Streben als eine „biologische Tendenz“.[4] Die Leser*innen sollen sich dadurch mit dem Gesagten identifizieren und merken, dass sie selbst zu den ‚absurden‘ Erwachsenen gehört, die blind nach dem Sinn des Lebens suchen. Paloma stellt das Leben durch die zwei Abschnitte sehr abstrakt dar, damit jede*r Leser*in die dargestellten Inhalte versteht und sich selbst darin vielleicht wiederfinden kann und sie bestmöglich hinterfragt. Außerdem stellt sich heraus, dass Paloma ihre Gedanken zum Leben und dessen Sinn auf der einen Seite verkompliziert und auf der anderen Seite vereinfacht, durch klare und simple Aussagen. Sie schreibt sieben Seiten darüber, welche Gründe es gibt, dass der Sinn des Lebens nicht existiert und wie töricht Erwachsene sind, wenn sie glauben, dass sie diesen gefunden haben. Zum Schluss zieht sie jedoch eine sehr banale Schlussfolgerung. Sie plant ihren Selbstmord an ihrem 13. Geburtstag und wird dabei auch die Wohnung ihrer Eltern abbrennen. Dadurch will sie dem Erwachsenwerden entgehen und die Eltern durch die Abbrennung auf die toten Afrikaner*innen aufmerksam machen. „Ohne Wohnung und ohne Tochter denken sie vielleicht and all die toten Afrikaner, oder?“[5] äußert sich Paloma zu ihrem Vorhaben. Dabei meint sie die Afrikaner*innen, die nach ihrer Auffassung tagtäglich mit der ‚Sinnlosigkeit des Lebens‘ konfrontiert sind. Diese Schlussfolgerung mag jedoch für ihre Familie nicht besonders eindeutig sein, da ihre Eltern keinen Bezug zu den Afrikaner*innen ziehen würden, weil dieser Gedanke nur aus Palomas Kopf entstand. Dies zeigt also ein weniger durchdachtes Beispiel für Palomas Aussagen.

An dieser Stelle kann man den Philosophen Martin Heidegger zur hermeneutischen Dekonstruktion des Textes heranziehen. Martin Heidegger thematisiert in seinem Werk „Sein und Zeit“ die sogenannten Seinsfrage und beschreibt, dass sich jeder Mensch durch seine Beziehungen zur Welt, zu Dingen und zu seinen Mitmenschen definiert. Er bezeichnet es als Aufgabe des Menschen, durch die Hermeneutik, den Sinn des Seins zu erfassen. Das Sein definiert er dabei als wesentliches Bezugnehmen. Er definiert zusätzlich den Begriff der Fundamentalontologie. Um den Begriff zu erklären, sollte man ihn in seine Einzelteile zerlegen. Die Ontologie ist die Lehre des Seins und fundamental bezieht sich auf die grundlegenden Strukturen des Menschen. Dementsprechend beschäftigt sich die Fundamentalontologie nach Heidegger mit dem Seinsverständnis des Menschen, indem er den Sinn des Seins erfasst. Heidegger sieht die Hermeneutik als eine Methode für den Menschen, sich das Seinsverständnis zu erarbeiten. Daraus erschließt es sich, dass die Frage nach dem Sinn eine fortlaufende Erarbeitung erfordert und einen dynamischen Prozess darstellt.[6]

Mit diesem Wissen kann man nun die Ansicht Palomas mit der von Martin Heidegger vergleichen.

Zuerst einmal gibt Paloma eine grundlegende Aufteilung zum Ablauf der Sinnsuche. In der Kindheit ist man sinnsuchend, im Erwachsensein gibt man vor den Sinn gefunden zu haben. Paloma schätzt es jedoch so ein, dass man als erwachsene Person immer noch sinnsuchend ist, da der Sinn nach ihrer Vorstellung nicht existiert. Jedoch erkennt sie an, dass Menschen eine biologische Tendenz haben nach dem Sinn zu suchen.[7] Auch Heidegger beschreibt, dass der Mensch von Beginn an sinnsuchend ist, da er immer ist und Sein und der Sinn stark zusammenhängen.[8] Dies bildet eine Überlappung der beiden Ansichten und leitet zum nächsten Argument über, welches einen Unterschied in den Ansichten mit sich bringt. Paloma ist der Überzeugung, dass die Sinnsuche ein infiniter Prozess ist, weil es keinen Sinn gibt. Deshalb bringt sie auch die Komponente der Sinnlosigkeit ein. Hingegen beschreibt Heidegger die Suche nach dem Sinn als einen eher dynamischen und wechselseitigen Prozess. Er ergänzt dazu, dass man Sinn zum Beispiel auch in simplen Dingen findet, wie zu Verstehen wie man Gegenstände benutzt.[9] Dadurch schreibt man ihnen automatisch einen Sinn zu. Paloma teilt diese Vorstellung nicht und beschreibt den Sinn als solches, als ein komplexes Konstrukt, welches das ganze Leben erklären soll. Aus dieser Komplexität schlussfolgert sie, dass dieser nicht existiert. Für sie liegt der Sinn nicht in greifbaren Dingen, wie Wohlstand, Bildung, Beziehungen oder in dem nichtgreifbaren Glück, wie viele Menschen glauben.[10] Heidegger hingegen würde der beschriebenen Position der Menschen jedoch zustimmen, da er den Sinn als teilweise greifbar beschreibt. Dieser ergibt sich nämlich aus dem Zusammenhang von Sinn und Verstehen. Dadurch, dass Menschen in Beziehung zu ihrer Umwelt stehen sind sie von Beginn an verstehend.[11] Dies bildet für ihn einen reziproken Prozess zwischen dem Erschließen des nicht greifbaren Daseins und des Seins. Für Paloma hingegen ist der Sinn nicht greifbar und sie vergleicht die Suche danach mit einer Art Religion, um dem Leiden zu entkommen, eine Sinnlosigkeit festgestellt zu haben. Sie ergänzt dazu, dass sie das Leben für sinnlos und absurd hält.[12] Heidegger hingegen sieht es als Möglichkeit, man Selbst zu sein und sich dieses Sein und den Sinn dessen zu erschließen.[13]

Sowohl Heidegger als auch Paloma beschreiben den Sinn des Lebens und die Suche danach als ein komplexes Konstrukt und einen komplexen Prozess. Obwohl Paloma viele Argumente gibt, wie absurd es doch sei, einen Sinn im Leben zu suchen, weil es diesen nicht gibt, beschreibt sie dennoch, was dieser Sinn alles nicht sein könne und was er dadurch ex negativo doch ist. Dadurch würde sie nach Heidegger bereits nach dem Sinn suchen, die Existenz dessen anerkennen und ein verstehendes Sein darstellen. Da sie auf den Sinn von simplen Dingen nicht eingeht oder diesen als vollwertigen Sinn anerkennt, schlussfolgert sie, dass es überhaupt gar keinen Sinn im Leben gibt. Würde man ihr den Sinn des Daseins nach Heidegger erläutern, würde sie ihre Meinung vielleicht ändern.

Malin Rüter studiert Psychologie, derzeit im ersten Semester, an der Leuphana Universität in Lüneburg.


[1] Quelle: Barbery, Muriel: Die Eleganz des Igels, München 2011, S.15-21, hier S. 21.
[2] Barbery: Die Eleganz des Igels, S. 15.
[3] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 18.
[4] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 18.
[5] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 21.
[6] Joisten, Karen: Philosophische Hermeneutik, Berlin 2009, Kapitel „Heideggers Hermeneutik des Daseins“, S. 123-137, hier S. 133.
[7] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 18.
[8] Joisten, Philosophische Hermeneutik, S. 135.
[9] Joisten, Philosophische Hermeneutik, S. 131.
[10] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 16 ff.
[11] Joisten, Philosophische Hermeneutik, S. 126.
[12] Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 18.
[13] Joisten, Philosophische Hermeneutik, S. 135.

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