Die Angst vor der Trostlosigkeit des Erwachsenwerdens

Die Angst vor der Trostlosigkeit des Erwachsenwerdens

Ein junges Mädchen erzählt von ihrem Plan, sich das Leben zu nehmen. Sie wächst in reichen Verhältnissen auf und ist zu allem Überfluss auch noch hochbegabt. Eigentlich könnte man meinen, sie habe die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches und glückliches Leben. Im Falle unserer Protagonistin wirken all diese vermeidlich positiven Grundgegebenheiten jedoch leider nur mit starken Nebenwirkungen.

Ihre Eltern und deren soziales Umfeld kann sie in der realitätsfernen Dekadenz, in der sich diese bewegen, nicht ernst nehmen und meint, das abgekartete Spiel der Erwachsenen durchschaut zu haben. Man mache den Kindern falsche Hoffnungen über das Leben und lockt sie so in ein „Goldfischglas“. Aus dem Goldfischglas gibt es kein Entkommen. Es ist trist. Es ist leer. Und bist du erstmal drin, kommst du nicht mehr raus. Unsere Protagonistin will nicht auf diesen Trick hereinfallen und lieber Selbstmord begehen, solange sie noch die großen Weiten des kindlichen Ozeans bewohnt [1].

Während ich den Text gelesen habe, erinnerte ich mich an ein Memo, das ich mir vor knapp sechs Jahren, relativ zu Beginn meiner Berufsausbildung und der damit einhergehenden Erkenntnis der Tristesse eines Nine-to-five-Jobs, in meinem Handy eingetippt habe: „If growing up means being stuck in a cycle of repetitive events, I refuse”. Jetzt steht man vor der Herausforderung, wie dieses “I refuse” zu interpretieren ist. Lehne ich es ab, die Existenz eines solchen “repetitive cycles“ anzuerkennen? Erkenne ich ihn an, lehne aber ab, mich in einen solchen cycle zu begeben? Oder lehne ich direkt ab heranzuwachsen, Erwachsen zu sein/werden und folge sogar dem Weg der Protagonistin? Und was bedeutet überhaupt „Erwachsen“? Im Text wird immer wieder eine Grenze zwischen dem Erwachsensein und dem Kindsein gezogen. Wie ist diese zu verstehen und liegt hier ein Denkfehler des jungen Mädchens begraben, der sie später vermutlich das Leben kostet?

„Die Volljährigkeit tritt mit der Vollendung des 18. Lebensjahres ein.“[2] So lautet das Gesetz in Deutschland, welches sicherlich mitunter dafür verantwortlich, dass das 18. Lebensjahr häufig mit dem Erwachsenwerden in Verbindung gesetzt wird. Es gibt aber noch viele weitere Quantifizierungen, die vorgeben wollen, wann wir erwachsen sind und wann nicht. Wenn man der deutschen Bahn seinen Glauben schenken möchte, kann man sich schon mit 15 Jahren mit der Idee des Erwachsenen-Daseins schmücken. Wer gerne Freizeitparks besucht und am liebsten in den Europapark geht, wird schon ab einem Alter von 12 Jahren mit den Erwachsenenpreis zur Kasse gebeten. Wie sieht es eigentlich mit Ihrem Lieblingsmuseum aus? Ab wann gelten Gäste dort als erwachsen? „Erwachsen“ ist offensichtlich ein sehr dehnbarer und unklarer Begriff, an dem schön deutlich wird, dass Sprache als ein noch unvollständiges Werkzeug zur Weltbetrachtung gilt[3]. Nach Ferdinand de Saussure können wir diesen Begriff noch weiter zerlegen, indem wir ihn in Bezeichnendes/Lautbild (Signifikant) und Bezeichnetes (Signifikant) aufteilen, wobei der Signifikant das geschriebene Wort in seinen Zeichen darstellt, der Signifikat den Gegenstand an sich bzw. das Bild, das wir davon haben, welches in unserem Kopf entsteht[4]. Es ist an dieser Stelle also wichtig zu begreifen, welches Bild ­­­– also welcher Signifikat – im Kopf unserer Protagonistin entsteht, wenn sie sich den Signifikanten „Erwachsen“ vor Augen führt, um herauszufinden, ob sie einen tragischen Denkfehler gemacht hat, oder sogar recht hatte, was wiederum bedeuten würde, dass wir alle – die wir uns erwachsen schimpfen – bereits im Goldfischglas gelandet sind und so bis ans Ende unserer Tage im Kreis schwimmen müssen.

„Von den Personen, mit denen meine Familie Umgang pflegt, haben alle den gleichen Weg bestritten: eine Jungend, in der man seine Intelligenz gewinnbringend anzulegen versucht, in der man das Studienpotenzial wie eine Zitrone auspreßt und sich eine Spitzenposition sichert, und dann ein ganzes Leben, in dem man sich verblüfft fragt, warum derartige Hoffnungen in einer so leeren Existenz gemündet haben. Die Leute meinen, sie verfolgen die Sterne, und dann enden sie wie Goldfische in einem Glas.“[5]

Mit dieser Aussage wird einem das Erwachsenen-Bild des Mädchens schon sehr deutlich. Direkt zu Beginn dieser Aussage springt einem eine erste Schwierigkeit, die Subjektivität ihrer Wahrnehmung, ins Auge. Natürlich kann sich ihr Bild der Erwachsenen nur aus ihren eigenen Erfahrungen heraus bilden. Ihre Realität wird aus der kritischen Reflexion ihrer Empfindungsleistung gebildet und sorgt dafür, dass den Dingen (in diesem Fall dem Erwachsensein) eine Bedeutung auf ganz bestimmte Weise gegeben wird[6].
Sie – ihre Realität – ist somit immer subjektiv und kann im Umkehrschluss keine objektive Wahrheit sein. Unsere Protagonistin macht aber leider genau diesen Fehler. Sie denkt, eine solche objektive Wahrheit ertappt zu haben: „In Wahrheit sind sie wie die anderen, Kinder, die nicht verstehen, was mit ihnen passiert.“[7] Dass der Begriff „Wahrheit“ jedoch auch nur ein, in seiner Bedeutung verschiebbarer Signifikant ist, scheint sie zu vergessen. Oder schlichtweg einfach nicht auf dem Schirm zu haben. Verschwörungstheoretiker*innen jagen beispielsweise einer ganz anderen Wahrheit hinterher als jene, die sich ihre Meinung anhand von Fakten bilden. „Fakten“ ist nach dieser These allerdings auch wieder nur ein Signifikant, der in seiner Bedeutung verschiebbar ist und so weiter (ich vermeide es and dieser Stelle weiter in diese endlose Spirale einzutauchen). So oder so sollte klar werden, dass eine objektive Wahrheit schlichtweg nicht erreicht wird.

Doch unsere Protagonistin ist bekanntlich hochbegabt und fühlt sich ihren Mitmenschen gegenüber offensichtlich auch intellektuell überlegen[8]. Sie ist intelligenter und weiß meistens auch mehr als die anderen. Sie versteht Dinge, die andere nicht verstehen, sieht das, was wir nicht sehen. Ergo: Sie versteht die Wahrheit. Der Gedankengang ist nachvollziehbar. Klar, dass vor allem logikbasierte Fächer ein Leichtes für sie darstellen und keine Herausforderung sind, wenn sie sich sogar absichtlich zurückhält, um ihre Hochbegabung zu vertuschen[9]. Genauso gibt es aber Dinge, die man in der Schule nicht lernen kann. Erfahrungswerte lassen sich nicht so einfach messen wie Leistungen in der Schule. Und unserer Protagonistin und ihre Realität könnten sicherlich noch die ein oder andere Lebenserfahrung vertragen, um ein „genaueres“ oder zumindest ein breiter gefächertes Bild vom Erwachsensein zu kriegen. Sie redet immer wieder von dem Goldfischglas, in dem alle Erwachsenen früher oder später enden. Mir drängt sich jedoch immer mehr die Frage auf, ob sich unsere junge Protagonistin nicht längst schon in einem solchen Goldfischglas befindet, aus dem sie – bis auf den Tod – scheinbar keinen Ausweg mehr sieht. Ist das Goldfischglas, das sie beschreibt, wirklich nur der älteren Generation vorbehalten? Sie beschreibt das Leben der Erwachsenen als ein eintöniges und vorhersehbares Unterfangen, beschreibt ihr Kindsein aber nicht großartig anders. Sie hat sogar das Gefühl, ihre Hochbegabung – welche ja einen nicht insignifikanten Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht – verstecken zu müssen, aus Angst im Stress zu versinken. Angenommen, sie befindet sich bereits in dem, was sie als Goldfischglas bezeichnet: Für mich klingt dieses Goldfischglas fast nach einem Synonym für eine Depression. Unsere Protagonistin muss ihre Persönlichkeit unterdrücken, sie und ihre Interessen werden von ihrer Mutter nicht verstanden[10] und wenn sie über ihrer Leidenschaft zur japanischen Kultur berichtet, driftet sie in negative Gedanken bzw. Erfahrungen ab[11]. In diesem Fall ist diese Erfahrung einer der wenigen Kontakte, den sie mit anderen Realitäten des Erwachsenendaseins macht. Zumindest ist es die einzige andere Realität, von der sie berichtet. Hat sie einfach keine anderen Erfahrungen gemacht, oder sorgt der Kreislauf negativer Gedankenströme – typisch bei Depressionen – für eine selektive Wahrnehmung negativer Ereignisse, die dann weiteren Schlamm in das schon getrübte Wasser des Goldfischglases schütten? Es würde zumindest erklären, warum sie nichts Positives am Erwachsenwerden sieht. Weil sie es nicht kann. Nicht weil es nichts gibt.

Ich habe das Gefühl, unsere Protagonistin befindet sich in einem ähnlichen, eingangs erwähnten “cylce of repetitive events“ in dem ich mich vor Jahren befand, in den ich selbst auch immer wieder drohe zu geraten. Ich glaube viele tun das. Wie sagt man im Volksmund so gern: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“ Das mag sein, ist sicherlich aber nur in gewissen Maßen gesund. Ich kann mich also in dieser Hinsicht zu Teilen mit dem jungen Mädchen identifizieren, wenn ich mir auch eingestehen muss, dass ich weit von einer Hochbegabung entfernt bin und nicht in reichen Verhältnissen aufgewachsen bin. Ich unterscheide mich allerdings in einem weiteren Punkt und eventuell kommt mir der Mangel einer Hochbegabung und reicher Eltern dabei zugute. Ich glaube nicht, dass ich bereits alles gesehen habe. Ich glaube nicht, dass ich bereits alles erlebt habe. Ich weiß nicht mal im Ansatz alles über die Welt und bezweifle stark, jemals an diesen Punkt zu gelangen. Ich habe für mich aber einen Entschluss gefasst, der wohl das krasse Gegenteil zum Selbstmord und dem Entschluss unserer Protagonistin darstellt: Ich möchte leben. Ich möchte sehen, was die Zukunft in ihrer ganzen Willkür so für mich bereithält. Ich möchte mich überraschen lassen und nicht zum Stillstand kommen, wenn sich der Sog der monotonen Alltags-Spirale im peripheren Blick ankündigt. Als ich damals diese Entscheidung als Maßnahme zur Flucht aus dem – und jetzt übernehme ich den Begriff ganz bewusst als Synonym für meinen persönlichen “repetitive Cycle“ – Goldfischglas traf, sah meine Realität anders aus als heute. Deutlich trister. Weniger bunt gefärbt. Deutlich eintöniger. Im Vergleich zu diesem weißen Tuch einer Realität, das nach Kapitulation aussieht, gleicht meine heutige Realität gar einem Jackson Pollock. Die Erfahrungen, die zu diesem Gemälde geführt habe, sind sicherlich nicht nur positiv. Aber beides wird sichtbar. Das Positive und das Negative sorgt so für den nötigen Kontrast, der es mir ermöglicht – oder mir das Gefühl gibt – erkennen zu können, ob ich mich in einem Goldfischglas befinde oder nicht. Ich wünschte, unsere Protagonistin hätte sich ähnlich entschieden und sich nicht so stur an ihrer Annahme der wahren Erkenntnis des Erwachsenseins geklammert.

Jene, die das Buch und dessen Ende kennen, wissen, wie es mit unserer Protagonistin weitergeht. Wissen, dass ihr Plan nicht wie in Stein gemeißelt vollendet wird und dass auch ihre repetitive Trostlosigkeit eine Zerrüttung erfährt. Eine einzige Begegnung, durch die sie einen neuen Menschen in ihr Leben lässt – mehr hat es nicht gebraucht. Vielleicht braucht es oft gar nicht so viel, um den Sprung aus dem Goldfischglas möglich zu machen. Hin und wieder kann vielleicht sogar eine Kamelie das Schicksal verändern[12].


Ein Essay zu dem Textauszug „Die Sterne verfolgen und dann im Goldfischglas enden“ aus dem Buch „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery


Über den Autor: David Jung studiert Umweltwissenschaften und Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg.


[1]. Vgl. Barbery, Muriel (2011), Die Eleganz des Igels, München, S. 15 – 18.
[2]. § 2 BGB.
[3]. Vgl. Feustel, Robert (2015), Die Kunst des Verschiebens: Dekonstruktion für Einsteiger, Paderborn, S. 20.
[4]. Vgl. Saussure, Ferdinand de (1967), Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin, S. 76 – 79.
[5]. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 16.
[6]. Vgl. Feustel, Die Kunst des Verschiebens: Dekonstruktion für Einsteiger, S. 32.
[7]. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 15.
[8]. Vgl. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 17.
[9]. Vgl. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 17.
[10]. Vgl. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 19.
[11]. Vgl. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 21.
[12].  Vgl. Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 331.

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