Könnte Text sein: Ein Dialogversuch zwischen Ricœur und Neumeister

Könnte Text sein: Ein Dialogversuch zwischen Ricœur und Neumeister

Könnte Köln sein heißt der experimentelle Hybrid aus Reisetagebuch und Architektur-Roman von Andreas Neumeister aus dem Jahr 2008. Der Konjunktiv im Titel ist der Schlüssel zu einer möglichen Lesart des Textes, die das Buch als Vorschlag auffasst. Als Vorschlag, das Medium des Textes selbst zu hinterfragen. Als Vorschlag, einmal ganz anders an das geschriebene Wort heranzugehen. Ausgehend von diesem Vorschlag und Paul Ricœurs „Was ist ein Text?“ will das vorliegende Essay in den Dialog mit beiden treten und herausfinden, was Könnte Köln sein vielleicht sagen möchte[1], was ein Text sein kann und was zwischen den Zeilen spürbar wird.

Ja, spürbar. Denn Texte lesen, bedeutet auch Texte spüren und es wäre dem Roman kein Gefallen getan, wenn die sinnliche Wahrnehmung bei der Lektüre ignoriert würde. Entgegen Susan Sontags Kritik, dass Interpretation klassischerweise das sinnliche Erlebnis einer Arbeit für selbstverständlich hinnähme, um zu einem vermeintlich reinen Inhalt zu gelangen,[2] gilt es, den Text ganzheitlich zu behandeln. Und zwar muss Könnte Köln sein als ein Gesamtes erlebt werden, dessen Aussagen nicht von der Form trennbar sind, in der sie sich präsentieren. Die Schilderungen von Rom oder Moskau sind nicht umsonst mit Absätzen versehen, die stellenweise an Gedichte erinnern. Die popkulturellen Assoziationsketten des Romans brauchen die Kleinschreibung am Satzanfang genauso wie die fehlenden Anführungszeichen oder die gelegentlichen leeren Seiten, die Lesende dazu zwingen, selbst zu entscheiden, wie lange sie sich das Weiß des Papiers zumuten wollen. Wenn Ricœur schreibt, dass Text schriftlich fixierter Diskurs ist,[3] dann erwidert Könnte Köln sein, dass Text vor allem auch visuell fixiert ist und der Roman argumentiert dafür rein formal, durch Satz und Layout der Seiten.

Bei Ricœur heißt es: „Worte hören auf, angesichts der Dinge zurückzutreten. Die geschriebenen Worte werden Worte an sich selbst.“[4] Auch der Roman versteht Text nicht nur als verschriftlichten Hinweis auf Dinge. Er demonstriert stattdessen, dass „Worte an sich selbst“ auch Bilder, Symbole oder intertextuelle Querverweise sein können. Ein Beispiel hierfür ist das Spiel mit Akronymen, das sich durch Könnte Köln sein zieht. Wenn es heißt „MDF für México de federal / Areli sagt DF / Areli spricht: de effe / sagt DF und meint die Stadt, aus der sie kommt“,[5] dann wird die Eigenheit des Geschriebenen demonstriert, das als Schriftzeichen, als gesprochener Laut und als mehrdeutiger Inhaltsträger dient. Auch wenn im Roman wiederholt Abbildungen angeführt werden, die kein visuelles Pendant haben, funktioniert der Text als Verweis. Ein Beispiel hierfür ist „Abb.: Das entpflasterte Paris (II)“, [6] das auf ein Bild verweist, welches im Kopf der Lesenden entstehen muss, weil es auf der Seite nicht bereitgestellt wird. Das Wort ist vom Ding, also von der genannten Abbildung befreit und kann zu etwas neuem, ergebnisoffenerem werden.

Während der Lektüre des Romans baut sich vor den inneren Augen der Lesenden eine Welt auf: Die Welt des Textes. Diese Welt ist aber keine, auf die Könnte Köln sein exklusiven Anspruch erhebt. Denn Absätze wie „Anderes business, anderes Spielzeug. Auch ein Walt Disney baute hier seinen Haustraum als Traumhaus. Im Park eine dampfbetriebene Eisenbahn-Anlage samt 90 Fuß langem Tunnel. Nachbarn: Gary Bogart und Humphrey Cooper“ [7] funktionieren erst durch den Bezug auf die Welt von Popkultur, Nachrichten, Zeitgeschichte und Kunst, in die Könnte Köln sein eingebettet ist. Die Welt, auf die sich der Roman intentional bezieht, ist eine, die in den Köpfen der Lesenden nur existiert, weil vorherige Texte sie bereits als solche erschaffen haben. Ricœur stellt fest, dass infolge der Auflösung des Bezugs zur echten Welt der Text frei wird, „in ein Verhältnis zu allen anderen Texten zu treten“ und so hinzuführen zu einer „Quasi-Welt der Texte oder der Literatur“.[8] In seiner Assoziationsketten-Abfolge belegt Könnte Köln sein diese These und setzt stellenweise so stark auf kulturelle Vorbildung, dass deren Umfang den Lesenden durch die Lektüre bewusst gemacht wird. Mit dem Verzicht auf erklärende Hinführungen und Angabe der Quellen weist Könnte Köln sein auf die Tatsache hin, dass einem zum Beispiel die Namen Humphrey Bogart und Gary Cooper so bekannt sind, dass sie auch in vermischter Form noch erkennbar bleiben. Der Roman gibt den Lesenden einen Einblick in das Netzwerk aus Erfahrung und Erzählung, auf das sie ständig zurückgreifen, wenn sie durch die alltägliche Welt navigieren, und er tut das, indem er sie in der Navigation der Welt des Textes herausfordert.

Ein weiteres Beispiel für die Art, wie Könnte Köln sein intertextuelle Bezüge nutzt, ist das Thematisieren von Geschichtsschreibung, das sich durch das ganze Buch zieht. Vor allem in den Abschnitten, die sich mit europäischen Städten beschäftigen, sind geschichtliche Ereignisse wie die Pariser Kommune, der italienische und deutsche Faschismus und das kommunistische Regime in Osteuropa zentrale Themen. Behandelt werden sie einerseits anhand der Infrastruktur, die sie hinterlassen haben und andererseits anhand historischer Ausdrücke und Redewendungen, Dokumente und bekannter Ereignisse. Spannend hierbei ist, dass es oft mehr die Geschichtsschreibung als die Vergangenheit an sich ist, die im Zentrum steht. Ein Beispiel hierfür ist folgender Absatz:

„Geländetausch, Personalwechsel, Naturalienhandel

Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffspakt vom 23. August 1939

Geheimes Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939

Deutsch-Sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939

Geheimes Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28.9.1939“[9]

Schon in der einfachen Aufzählung der unterschriebenen Dokumente entfaltet sich ein Narrativ über die Vergangenheit. Weil Könnte Köln sein solche Listen an manchen Stellen für sich stehen lässt, macht der Roman spürbar, wie der gemeinsame, kulturell verankerte Text der Vergangenheit aus verschiedenen vernetzten Texten collagiert ist. So wie Könnte Köln sein die Erzählung einer Welt webt, kann auch unsere Erfahrung der Vergangenheit als so eine Assoziationskette verstanden werden. „Die Schrift bewahrt den Diskurs und macht daraus ein Archiv, das dem individuellen und kollektiven Gedächtnis verfügbar ist“ [10], stellt Ricœur fest und benennt damit das Phänomen, dessen sich Könnte Köln sein bedient. Aufgrund dieses Archivs des kollektiven Gedächtnisses können Absätze wie „Alle Märsche führen nach Rom. Der Marsch auf Rom als Beginn des faschistischen Experiments. Alle Gewaltmärsche führen nach Rom (Hitler registriert es von Deutschland aus neidisch)“[11] ihren raffinierten Witz entfalten.

Könnte Köln sein existiert also als eine Art Hypertext, als eine vernetzte Ansammlung von Knotenpunkten, die zur Schrift als visuellen Diskurs, zur Schrift als Bild, zum Meta-Text des kulturellen Vorwissens und zum kollektiven Gedächtnis der Geschichtsschreibung führen. In Austausch mit Ricœurs „Was ist ein Text?“ wird der Roman an vielen Stellen zum Beleg für Ricœurs Thesen und führt manchmal darüber hinaus, indem er weitere Eigenheiten des geschriebenen Diskurses erfahrbar macht. Indem Könnte Köln sein sich in eine Welt des Textes einschreibt und diese immer wieder durchscheinen lässt, werden Lesende dazu eingeladen, sich mit dieser Gesamtheit zu befassen und zu reflektieren, was ein Text eigentlich ist und sein könnte.


Über den/die Autor*in: Chineye Udeani studiert in Kassel Philosophie und Visuelle Kommunikation. In ihren philosophischen wie auch ihren gestalterischen Arbeiten geht es darum, Alltägliches mit großen Ideen zu verknüpfen.


[1] In Bezug auf Ricœurs Überzeugung, dass das Ziel der Interpretation kein Verständnis der Autor*innen-Intention, sondern eine Annäherung an die Welt des Textes ist, wird in diesem Essay auf Formulierungen verzichtet, die sich auf Andreas Neumeister beziehen. Stattdessen soll sich der Status des Romans als eigenständiger Bedeutungsträger im Ausdruck widerspiegeln.

[2] Sontag, Susan (1966): „Against Interpretation“, in: Against Interpretation and other Essays, New York, S. 1 – 10.

[3] vgl. Ricœur, Paul (2005), Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze 1970 – 1999, Hamburg, S. 80.

[4] Ricœur, Vom Text zur Person, S. 84.

[5] Neumeister, Andreas (2008), Könnte Köln sein, Frankfurt am Main, S. 257.

[6] Neumeister, Könnte Köln sein, S. 138.

[7] Neumeister, Könnte Köln sein, S. 238 – 239.

[8] Ricœur, Vom Text zur Person, S. 84.

[9] Neumeister, Könnte Köln sein, S. 149.

[10] Ricœur, Vom Text zur Person, S. 82.

[11] Neumeister, Könnte Köln sein, S. 23.

[Abb. Titelbild/Beitragsbild] Raimond Spekking, „Köln Skyline an einem regnerischem Tag, 2009“

Share
philosophike.de