„It ́s better to burn out, than to fade away“ – Warum akzelerationistische Perspektiven für die Frage nach zukünftiger Arbeit relevant sind

„It ́s better to burn out, than to fade away“ – Warum akzelerationistische Perspektiven für die Frage nach zukünftiger Arbeit relevant sind

Es ist ein alter Menschheitstraum, dass die Technik dem Menschen die Arbeit abzunehmen in der Lage ist. Dieser Gedanke erlebte gerade in den Nachkriegsjahren des letztenJahrhunderts erneut Konjunktur und erfährt nicht zuletzt in der Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche einen ungeahnten neuen Aufschwung. Doch entgegen utopischer Gedankenspiele, dass ein Leben im aufgeklärten Kapitalismus mit deutlich reduzierter Arbeitszeit möglich sein wird, kristallisiert sich die bedrohliche Botschaft heraus, dass es der Mensch selbst ist, der immer stärker überflüssig zu werden scheint. Dabei bieten die neu entstehenden Freiräume eben nicht die von Idealisten erhofften Spielwiesen, die Raum bieten fürMüßiggang, Reflexion und Selbstverwirklichung. Im Gegenteil; ein immer härter werdender Konkurrenzkampf um das, was unter existenzsichernder Arbeit verstanden werden kann, zeigt sich in seiner ganzen Schärfe. Das nicht ganz neue, aber in seinem Ausmaß so nie dagewesene globale Kampffeld hört auf den Namen Zweckrationalisierung zum Ziele einer entfesselt scheinenden Kapitalakkumulation.

In einer schwindelerregend beschleunigten Zeit, in der alles messbar geworden zu sein scheint, ist die neue Konkurrenz längst nicht mehr greifbar. Abstrakte Algorithmen entscheiden nach undurchsichtigen Scoring-Systemen, wie optimierungsbedürftig die bereits bis ins Detail überwachte menschliche Arbeit ist. Allerorts entstehen mannigfaltige Techniken, die mit Blick auf Effizienzsteigerung und Kostenminimierung den Menschen leichthin ersetzen können. Dieser Fortschritt befreit die Menschen von Arbeit und macht sie im gleichen Atemzug dank eines rigiden Wertesystems zu geächteten Arbeitslosen. Allein das Burnout legitimiert ein kurzes Pausieren. Oder mit den Worten von Neil Young: „It ́s better to burn out, than to fade away.“[i]

Flexibilität, einst ein Versprechen auf mehr Selbstbestimmtheit, mutiert in stete Abrufbarkeit. Die Grenzen von Arbeit und Freizeit sind unlängst brüchig geworden. Unter dem euphemistischen Deckmantel des lebenslangen Lernens verbirgt sich die Bedrohung des einst so sicher geglaubten sozialen Status. Ausbildungsberufe im klassischen Sinne haben unlängst ausgedient. Was gestern noch Stabilität und Sicherheit versprochen hat, hat heute schon an Wert verloren. Wer sich nicht fortgehend an der Messlatte der immer schneller sich wandelnden Arbeitswelt selbst optimiert, gerät in einen Gesellschaftszustand mit schwankendem Boden.[ii]

Beim Blick über den Tellerrand wirft zunehmendes Outsourcing von Fertigungen in Billiglohnländer die Frage nach einer menschenwürdigen Behandlung der Arbeiterschaft auf. Wie also Zukunft denken, wenn sich bereits jetzt eine Welt ohne Menschen ankündigt? Wie neue Wege finden, in einer Zeit, in der politische Signale in ihrer regressiven Verharrtheit nach wie vor nur die Vollbeschäftigung als unumstößliches „alternativloses“ Narrativ um jeden Preis aufrechterhalten? Das Diktat aber, den Status quo längstmöglich zu konservieren, steuert ungebremst in die nächste Krise mit vorhersehbar sozial unverträglichem Ausgang. Wie also weiter, mit einem kapitalistischen System, dass sich zwischen Spekulationsblasen, Börsencrashs, Konfliktherden, selbstgemachten Klimakrisen und unübersichtlichen Datenströmen stets neu erfindet und sich zunehmend anpasst und stabilisiert statt zu kollabieren?

Natürlich gibt es Bestrebungen, die negativen Folgen des Kapitalismus abzufedern. Um die Folgerisiken bei Leistungsausfall einigermaßen im Griff zu halten, existieren gesetzlich vorgeschriebene Absicherungssysteme. Auch Maßnahmen wie das Arbeitslosengeld II, der Versuch einer nachhaltigen Wiederaufforstung von Wäldern, sowie die Bemühungen, den Bankensektor zu regulieren, um nur einige Beispiele zu nennen, erzählen eine ähnliche Geschichte.[iii] Aber genauso wie die Bestrebungen der Fair-Trade Bewegung den Versuchunternehmen, via festgesetzter sozialer sowie ökologischer Kriterien einen Mindeststandard zu garantieren, können diese Varianten der Subvention bzw. Regulierung mit einem gewissen zynischen Unterton als Stabilisierung an den Rändern eines ansonsten rücksichtslosen kapitalistischen Systems gelesen werden. Fangnetze dieser Art machen den Kapitalismus zu einem robusten System.

Was bleibt also aus dieser Denkrichtung noch an Möglichkeit, um effektiv immer prekärer werdenden Arbeitsverhältnissen beizukommen, wenn Entschleunigung lediglich das Vorpreschen des Kapitalismus verlangsamt, nicht aber reformiert? Auch ein Zurück in irgendein humanistisches Ideal scheint keine ernsthaft durchzuführende Option zu sein. Denn Eskapismus und eine elaborierte Antihaltung wird keine praktisch Veränderung herbeirufen können. Dafür ist das Wesen des Kapitalismus strukturell viel zu adaptiv, als dass es sich von edlen Idealen überlisten ließe.[iv]

Akzelerationisten wie Armen Avanessian glauben, dass eine wirksame Kapitalismuskritik nur aus der entfremdeten Situation heraus kommen kann, in der wir leben.[v] Als Werkzeug scheint dieser jungen politischen Philosophie dabei einerseits die Subversion als mögliche politische Strategie nicht geeignet. Anderseits werden Provokationen vom Kapitalismus selbst viel zu schnell absorbiert, um transformiert im Gewandt eines mit Begierde besetzten Produkts Monetarisierung zu finden. Für Avanessian zeigt sich die Absurdität begreiflich am Beispiel der Sid Vicious Interpretation des Sinatra Songs „My Way“. Mit musikalischen wie textlichen Regeln brechend, verhöhnt der Sex Pistols Bassist in destruktiver und überzeichnender Weise gesellschaftliche Normen und Wertevorstellungen seiner Zeit. Das Musikvideo endet auf der Note, dass er wahllos auf Personen aus dem Publikum zu schießen beginnt, die seine Musik konsumieren.[vi] Die in bissigster Weise 1978 dargebotene Gesellschaftskritik findet sich 2014 als unterliegende Musik in einem kommerziellen Werbespot für eine Mittelklasse-Limousine (Acura TLX) wieder.[vii] Ursprüngliche Kritik dieser Art verendet einverleibt in einer weiteren Konsumstrategie, die Individualität als Produkt zu ökonomisieren weiß.[viii] Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…

Um den Kapitalismus zu überwinden, wollen die Vertreter des Akzelerationismus sich den Mitteln des selbigen bedienen. Die einfache Formel lautet, der Diktatur der Technik mit technischen Mitteln zu begegnen. Der Geschwindigkeit des Kapitalismus muss im akzelerationistischen Verständnis eine noch größere Beschleunigung entgegengesetzt werden, so die lapidare Beschwörung.[ix]

Die Logik hinter diesem Gedanken zeigt auf eine Welt, die durchdrungen ist von digital erfassten Prozessen. Man denke an alles, was unter die Buzzwords Deep Learning oder BigData fällt: Hochgeschwindigkeitsaktienhandel, automatisierte Sprach- und Gesichtserkennung, maschinelles Lernen, künstliche neuronale Netze, die in Antiterror-Datenbanken über Wohl und Wehe Entscheidungen treffen, und so fort. Wir leben in einer simulierten Welt, in der Call Center echte Gespräche simulieren und das Internet die Welt abzubilden scheint. Nur wer sich in dieser Welt auskennt, kann dafür sorgen, nicht regiert zu werden, lautet die lapidare Botschaft.[x] Ganz im marx‘schem Sinn hat immer nur der die Macht inne, der die modernste Technik bedienen kann.

Das sind alles keine bahnbrechenden Einsichten. Erstaunlicher aber sind jene Thesen des akzelerationistischen Manifests, die konstatieren, dass der Kapitalismus die fortschrittlichen Kräfte der Technik hemmt.[xi] Die ansteigende Geschwindigkeit des Kapitalismus gleicht mit Srnicek und Williams gesprochen einem „hirntotem Vorpreschen anstelle einer Beschleunigung, die auch navigiert“[xii]. Nach dieser Einschätzung laufen kapitalistische Prozesse in einem fest abgesteckten und beschränkten Rahmen, der aus Mehrwertproduktion, aufgezwungenem frei beweglichen Kapital und einem alternativlosem Diktat von stetem Wirtschaftswachstum besteht. Ebenso sehen die Autoren Patentkriege und Ideen-Monopolisie-rungen als ein regressives Technikverständnis an, das, polemisch gesprochen, lediglich in einem steten Wiederkäuen alter Muster zu einer marginalen Verbesserung der Unterhaltungstechnik geführt hat.[xiii]

Weiter werfen einige Akzelerationisten der Politik vor, aus Angst vor der eigenen Geschichte einerseits einen Euro-Rettungsschirm nach dem anderen aufzuspannen, um so die 1920er Jahre und den Rattenschwanz an Folgen bloß nicht zu wiederholen, und gleichwohl andererseits den Kapitalismus möglichst regulierungsfrei zu lassen, um einen zweiten sozialistischen Ostblock zu vermeiden.[xiv] Damit kann aber keine ernsthafte Zukunftsidee geschrieben werden, lautet die Kritik. Der Blickwechsel, den der Akzelerationismus schlussendlich vornehmen will, speist sich aus dem aktiven Denken einer Welt ohne den Menschen.[xv] Eine postkapitalistische Sicht also, die sich eben nicht dadurch definiert, dass es den Menschen gibt. Das von hinten aufgezäumte Pferd eröffnet neue Denkräume, die dringlicher als je zuvor die Frage ins Zentrum rücken, wie Zukunft überhaupt gedacht werden kann. Die ohnehin schon eingetretene Aufhebung der Grenze zwischen Leben und Arbeit gilt es also konsequent zu Ende zu denken. Gegenwärtig ist die Arbeit bereits in jeden Winkel des sozialen und privaten Getriebes eingedrungen.[xvi] Im akzelerationistischen Manifest heißt es: „Wir wollen den Prozess der technologischen Evolution beschleunigen. […] Technikund Gesellschaft sind untrennbar miteinander verbunden […] [wir behaupten], dassdie Technologie genau darum beschleunigt werden muss, weil sie gebraucht wird,um sich in sozialen Konflikten durchzusetzen.“[xvii] Was aber heißt das konkret?

Das Narrativ des Akzelerationismus bleibt leider in zu vielen Punkten extrem vage. Im Dunkeln tappend wird nicht klar, wer wie beschleunigen soll und/oder überhaupt kann. Vor allem steht die Frage im Raum, was es genau zu beschleunigen gilt, damit der Kapitalismus zum Sprungbrett für ein Danach werden kann? Wie lässt sich eine solche systemimmanente Krise erzeugen, aus der der Kapitalismus eben nicht wieder in gestärkter Weise, wie der Phoenix aus der Asche, hervortritt? Und viel wichtiger: was tritt an Stelle dieses Vakuum, wenn es wirklich zum Kollaps kommt? Ein noch höher beschleunigterKapitalismus, der selbst kein Kapitalismus sein will?

Was die Provokationen dieser Denkrichtung allerdings anbieten können, ist die Möglichkeit ausgetretene Denkpfade zu verlassen und dafür die angedeuteten veränderten Standpunkte einzunehmen. Das Wagnis, eine Arbeitswelt ohne Mensch zu denken, zwingt dazu,den Begriff der Arbeit in originärer Weise zu überdenken. Erst wenn wir uns dieser Frage aufrichtig stellen, wird gestaltbare Zukunft aus den Sphären der holen Phraserei in einen glaubwürdigen und nachhaltigen Diskurs gehoben. Gewiss fordert das, sich von Sicherheiten zu lösen und Traditionen fallen zu lassen. Aber welchen ernsthaften Verlust kann es bedeuten,wenn es eine Zukunft zu gewinnen gilt?


[i] Young, Hey Hey, My My (Into the Black).

[ii] Bude, Gesellschaft der Angst, sowie Srnicek & Williams, #Accelerate: Manifest für eine akzelerationistische Politik.

[iii] Drees, Das akzelerationistische Manifest.

[iv] Ebd.

[v] Ebd.

[vi] Vicious, My Way.

[vii] Acura, Acura TLX – My Way.

[viii] Drees, Das akzelerationistische Manifest.

[ix] Ebd., sowie Srnicek & Williams, #Accelerate: Manifest für eine akzelerationistische Politik.

[x] Drees, Das akzelerationistische Manifest.xiSrnicek & Williams, #Accelerate: Manifest für eine akzelerationistische Politik.

[xii] Ebd.

[xiii] Ebd.

[xiv] Drees, Das akzelerationistische Manifest.

[xv] Ebd.

[xvi] Srnicek & Williams, #Accelerate: Manifest für eine akzelerationistische Politik.

[xvii] Ebd.


Dieser Beitrag entstand als Studienleistung im Seminar: Ich arbeite, also bin ich? Eine Philosophie der Arbeit. (WS19/20)


Literaturverzeichnis:

Acura (2015). Acura TLX – My Way. Von www.youtube.com:
https://www.youtube.com/watch?v=ATlb9Xh9xgM abgerufen am 02.07.2020.

Bude, H. (2014). Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Edition.

Drees, J. (26. April, 2015). Das akzelerationistische Manifest. [Essay und Diskurs]. Von www.deutschlandfunk.de: https://www.deutschlandfunk.de/philosophie-das-akzelerationistische-manifest.1184.de.html?dram:article_id=314626 abgerufen am 02.07.2020.

Srnicek, N. & Williams, A. (2013). #Accelerate: Manifest für eine akzelerationistische Politik. In A. Avanessian (Hrsg.), #Akzeleration (S. 21-39). Berlin: Merve.

Thomä, D. (2012). Jenseits von »Work-life-balance« und »Burn-out«. In M. S. Aßländer & B. Wagner (Hrsg.), Philosophie der Arbeit: Texte von der Antike bis zur Gegenwart (S. 529-544). Berlin: suhrkamp taschenbuch wissenschaft.

Vicious, S. (1978). My Way. Aus dem Album The Great Rock ’n‘ Roll Swindle. Virgin Records. Von www.youtube.com: https://www.youtube.com/watch?v=rDyb_alTkMQ abgerufen am 02.07.2020.

Young, N. (1979). Hey Hey, My My (Into the Black). Aus dem Album Rust Never Sleeps. Daly City, California: Reprise Records.

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