Eine Stellungnahme zum Thema „Stellungbeziehen“

Eine Stellungnahme zum Thema „Stellungbeziehen“

„Stellung“ kommt etymologisch von Stall, was weniger bedeutet, dass es in einer Stellungnahme lediglich darum ginge, den eigenen Stallgeruch in der Welt zu verbreiten, als vielmehr den eigenen Stall-Standpunkt zu bestimmen, was immer mindestens zwei Komponenten beinhaltet: einmal zu klären, wo man steht und zweitens, wie man zu dem steht, wo man steht. Beides gehört unmittelbar zusammen und ist doch zugleich auch wohlunterscheidbar.

Das Klären, wo man steht, also die Analyse der Situation, wie sie ist (privat, gesellschaftlich, global), beruht wesentlich auf der Sammlung und Analyse von (empirischen) Tatsachen, wie sie sich in einer jeweiligen Gegenwart ausdrücken. Und doch ist dies nur ein Moment, denn in diese Analyse flechten sich sogleich auch Theorien und Hypothesen ein, in deren Zusammenhang die einzelnen Tatsachen stehen und stellen den Fokus sowohl für das Sammeln als auch für die Analyse scharf. Zudem verweisen diese Theorien und Hypothesen sogleich auch auf das „Warum“ der Situation, also darauf, aus welchen Gründen sie so geworden ist, wie sie sich gerade darstellt. Die empirisch-theoretische Klärung, wo man steht, verweist damit zugleich darauf zurück, wo man gestanden hat und wie das jetzige Stehen so geworden ist, wie es ist – kurz: es weist zurück ins Geschichtliche.

Die Bestimmung dessen, wie man zu dem steht, wo man steht, also das Urteil oder die Kritik des bestehenden Standpunkts, stellen diesen notwendig in eine Relation, und zwar weniger im Rückblick auf das Gewordensein des Bestehenden und damit die Klärung, woher es kommt und warum es so geworden ist, als vielmehr im Blick voraus, im Vorschein dessen, wohin (was) es werden will oder soll.

Das Urteil oder die Kritik brauchen notwendiger Weise einen Maßstab, an dem das Vorliegende, das zu Beurteilende/zu Kritisierende bemessen werden kann, woran das Urteil oder die Kritik sich orientiert. Ein solcher Maßstab kann nun entweder gänzlich abstrakt sein und für alle Zeiten Geltung beanspruchen, was ihn allerdings, je abstrakter er wird, umso weiter von der gegebenen Realität entfernt und damit tendenziell unbrauchbar macht. Oder aber, er zeigt sich in nuce bereits in der Gegenwart selbst als eine Tendenz, die auf etwas Zukünftiges verweist, das zwar der Tendenz nach schon in der Gegenwart sichtbar ist, seiner vollen Verwirklichung jedoch noch harrt. Ein solcher in die Realität eingelassener Maßstab bringt allerdings mit sich, dass er zu unterschiedlichen Zeiten seine Gestalt auch wandelt und mithin als solcher nur dann identifizierbar wird, wenn sich eine Kontinuität zwischen seinen vergangenen Gestaltungen aufweisen lässt. Somit verweist die kritisch urteilende Bestimmung, wie man zu dem steht, wo man steht, einerseits auf ein Zukünftiges, worin sich diese Bestimmung von der, wo man steht, unterscheidet; andererseits bindet die Bestimmung eines realistischen Maßstabes das Urteil oder die Kritik zugleich an die geschichtliche Dimension zurück, worin beide Dimensionen der Stellungnahme sich wieder verbinden.

Ein Urteil hingegen, das sich an abstrakten Maßstäben orientiert, kann die Kluft zur Realität nur dann überwinden, wenn es diese von vornherein auf diesen Maßstab hin zurichtet, ihr Gegebensein auf seine Maßstabstreue einschwört, womit das Gegebensein einem Behandeltsein bzw. die Realität einer Konstruktion weicht. Dies wirkt sich dann allerdings ebenfalls auf die erste Dimension einer Bestimmung dessen, wo man steht, aus, insofern diese infolgedessen ebenfalls zur Konstruktion wird, womit der abstrakte Maßstab um sich selbst kreist und letztlich gar keine Stellungnahme mehr ist, außer eben – gleichsam tautologisch – zu sich selbst.

Will man nun eine Stellungnahme zum Thema „Stellungbeziehen“ abgeben, was ja der Titel für den vorliegenden Text anzeigt, dann fällt die Bestimmung dessen, wo man steht, wohl am Ehesten so aus, dass gegenwärtig insbesondere zwei Weisen hervorstechen bzw. das, was einmal „Öffentlichkeit“ genannt wurde, sich aufteilt: die Verbreitung des jeweils eigenen Stallgeruchs sowie die jeweils um sich selbst kreisenden Urteile anhand abstrakter Maßstäbe bzw. Privatmeinungen und wissenschaftliche Aussagen, die sich auf eine auf Berechen- und Kontrollierbarkeit zugerichtete Konstruktion von Realität beziehen, also beides Weisen, die eigentlich gar nicht in den Bereich einer Stellungnahme fallen, denn fehlt es der ersten Weise an Theorie und begründetem Urteil, so fehlt es der zweiten an Realität. Und dem nicht genug, tummeln sich diese Weisen von „Stellungnahmen“ in einem gemeinsamen Raum, in dem sie gleich gültig und damit eben auch gleichgültig zu sein scheinen, weshalb dieser Raum auch nicht mehr sinnvoll als „Öffentlichkeit“ bezeichnet werden kann. Und wo Privatansichten, Fake News, wissenschaftliche Spezialperspektiven und Propaganda sich einen Raum in völliger Gleichberechtigung teilen, ist für die wirkliche Stellungnahmen nicht nur kein Platz, sondern sie reiht sich lediglich in die Kette der Gleichgültigkeiten ein, womit sie dieser sogleich auch anheimfällt. Kurzum: Es steht nicht gut um die Stellungnahme in einer Kultur der Gleichgültigkeit.

Gleichwohl ist der Impuls, der diese Gemengelage mit hervorbrachte, ein von Emanzipation getragener, der gegen eine bürgerliche Form der Öffentlichkeit der Eliten und Expert*innen einen offenen Raum einfordert, in dem alle gleichberechtig Stellung beziehen können und der eigene Stall aufgehoben ist. Nur gälte es, diesen Raum allererst einzurichten, ihm Struktur zu verleihen und ihn für die gleichberechtigte Pluralität wirklicher Stellungnahmen ohne Stallgeruch und Zurichtungen angemessen einzuhegen.

Es steht nicht gut um die Stellungnahme, aber sie hat eine Chance – es gilt, sie zu entwickeln.

Dirk Stederoth ist außerplanmäßiger Professor am Institut für Philosophie der Universität Kassel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Kritische Theorie, Bildungsphilosophie, die Philosophie der Musik sowie Technikphilosophie.

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